Du weisst nicht wann, du weisst nicht wie - III. NJ

 

Kristína Nemcová

Du weißt nicht wie,

du weißt nicht wann

Obchodná akadémia, Trnava

číslo 76

 

Praktikantin betritt den Raum, die Patienten bewegen sich frei im Flur.

Praktikantin
(eine stolze Miene, macht bedeutendes Gesicht, Steingesicht)

Guten Tag, ich bin sehr erfreut, dass Sie mir ermöglicht haben hier zu forschen und neue Informationen über die Labilität der Psyche von Menschen vorzulegen.

 

Patientin Frau Klein
(spielt Frau Doktor, sie liebt ihre „Patienten“, eng mit ihren Lebenstragödien verbunden)

Na ja, los geht´s! Wir haben fünf Patienten und jeder von ihnen ist eigenartig und ein schwieriger Fall. Hier sehen wir unseren ersten Patienten – Artur. Artur ist 36 Jahre alt, von Beruf Kabelschäler.

Praktikantin

Hmm, das sieht wie Frustration der ersten Klasse aus.

Artur
 
(aufgeregt, begeistert, breites Lächeln, glozt)

Wir reißen sie an, sie platzen, wir schälen…(wiederholt zweimal sitzend auf dem Stuhl, dann steht er auf, verlässt den Raum mit sanfter Stimme)

Patientin Frau Klein

(neutral) Gehen wir weiter. Das hier ist Grätel. Sie hat eine Schädigung der linken Gehirnhälfte. Sie wird bald das Gedächtnis eines Aquarienfisches (mit leichter Grimasse, Lächeln) haben. Sie bekommt fünfmal täglich was zum Essen, aber sie schreit ständig, dass sie Hunger hat. Na und  hier ist sie! Hallo, Schatz!

Grätel
(sitzt auf dem Stuhl, mit dem Rücken zur Klein  und Praktikantin, besessen von der Sache, reagiert sie erst auf den Gruß)

Ja? Jeeej, Besuch! Guten Tag, ich bin Grätel. Und das ist meine...(längere Pause), Jeeej, Besuch! Guten Tag, ich bin Grätel. Und das ist meine ... (längere Pause), Jeeej,....



 

Praktikantin

Denken Sie, dass das nur ein Übergangszustand ist?

 

Patientin Frau Klein

Nein, aber auf der anderen Seite…. (überlegend) ist sie eine große Optimistin. Sie kann sich für eine Sache immer wieder aufs Neue begeistern. Aber jetzt weiter. Johannes. Unser Herzensbrecher und ein ewiger Gentleman! (stolz auf Johannes)

Praktikantin

Ooh, endlich etwas Angenehmes!

Johannes

Hand 1: (weibliche Stimme)
                   Oh, Herr Zwiebel, heute sehen Sie wirklich fantastisch aus!
Johannes:    Oh, danke Rosa!
Hand 2: (weibliche Stimme)
                   Fantastisch?! Perfekt! Sie haben eine neue Frisur!
                        Oh, aber Ihr Parfum!
Johannes: Oh, Mädels, ihr Schmeichlerinnen!

Patientin Frau Klein
 Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, Herr Zwiebel! Wie geht´s Ihnen? (liebevoll)

Johannes

    (übertrieben, dramatisch, leidenschaftlich)
Ursula, bist du es wirklich?! Wir haben uns eine ganze Ewigkeit nicht gesehen, meine Liebe, ich habe an dich jeden Tag gedacht und du bist nicht gekommen.

(Johannes wirft sich auf die Socke der Praktikantin... während er mit ihre spricht, bemüht er sich die Socke auszuziehen.)

Praktikantin
                      Jetzt reicht´s! Lass mich, du Narr! (erschrocken und abwertend)


Patientin Frau Klein

                     Das war also unser Soziopath, aber es ist immer der höfliche Johannes (wieder stolz). Bei ihm sind sowohl euphorische als auch aggressive Gefühle zu sehen. Aber jetzt gehen wir weiter. Nikola, Nikola ist eine Mutter von vier Kindern. Allerdings haben wir ein Problem, ähnlich wie bei der Diagnose von Johannes und das ist: ihre persönliche Beziehung zu leblosen Objekten. Nikola möchte gerne jemanden haben, dem sie ihre Mutterliebe geben könnte. Auch wenn sie mit fremden Männern schlief..., aber nur weil sie schwanger werden wollte. Nach der vierten Fehlgeburt brachte man sie zu uns, zur besonderen Betreuung. Sie spricht mit niemandem, weil sie Ihre ganze Zeit mit ihren abstrakten Kindern (ernstes Gesicht, mitfühlend) verbringt.

Nikola

   (liebevoll, Koseform) So, Viktoria, Mutter muss sich die Hände waschen gehen, weil sie alles mit Schokolade vollgepatzt hat! Marius, pass auf deine Geschwister auf, du bist hier der Älteste. (mit gehobenem Zeigefinger, wichtig, ist verantwortlich für Andere) Es wird nur einen Augenblick dauern.
(Nikola legt die Bälle bei Seite, jedoch rollt einer weg, sie wirft sich auf den Ball.)
Ger-haaaaaaard! Gerhard, was hast du gemacht? Du wolltest mir weglaufen! Tu das deiner Mutter nicht an! Nie, nie, nie! (die Stimme wird immer leiser)

Patientin Frau Klein

Hier, bitte schön. Unsere letzte Patientin ist die Christine. Sie glaubt, dass sie zur ewigen Unruhe in Versen verurteilt ist. Über ihr Leben wissen wir sehr wenig, sie ist sehr zurückhaltend und spricht ausschließlich nur mit ihrer Psychiaterin. Sie hat einen Doktortitel in Linguistik. Sie sagt, dass nur sie ihrer Worte würdig sei.

Praktikantin

Könnte sie auch einen Reim auf das Wort „Orange“ finden? (bissig, erstaunt)

Patientin Frau Klein

Warum fragen Sie denn nicht danach selbst?

Christine:

Was suchen Sie hier?
Sind Sie ein Musketier,
der wird mich befreien?
Oh, nein! Jetzt muss ich schreien!
Du, was willst du hier?
So sagen Sie mir, aus welchem Titel,
sind Sie jetzt Mittel
aller Unruhen?

 

Praktikantin
 

Ich bin Studentin einer Universität (mild aufgeregt) und meine Diplomarbeit beschäftigt sich mit den Mutationsdiagnosen der Menschen, die verschiedener sozialen Herkunft sind. Jedoch Exemplare wie diese hier findet man wirklich nur selten, und aus diesem Grund... (missachtend)

Patientin Frau Klein

Genug! Es reicht! Ich kenne Leute wie Sie, ich war selbst so eine. Kalte und herzlose Menschen, die sich nur auf reine Fakten konzentrieren, ohne jede Empathie spucken sie diesen Menschen routinemäßig ins Gesicht, und gerade diese Kranken verdienen dank ihres schwierigen Lebens unsere Demut und Bewunderung. Sie, Frau Praktikantin, wissen gar nichts über das Leben! Diese psychisch Kranken sind nur erbärmliche Marionetten der heutigen Konsumgesellschaft, die mit ihnen machen kann, was sie will. Und wenn sie will, dann können Sie, Frau Praktikantin, auch hier landen!

Herr Doktor

Frau Klein, Frau Klein! Was soll das? (wie einem Kind) Schon wieder spielen Sie hier die Ärztin?!

Ihre Medikamente sollten Sie schon vor einer Stunde nehmen! Jungs, helft mir!

(alle verlassen den Raum, die Szene schließt die Christine in der Rolle des Erzählers ab)

Christine

Und hier muss unsere Geschichte enden,

aber jetzt muss ich Ihnen noch eine Idee senden.

Du weißt nicht wie und wann

Ein unbedeutender Mann,

dein Leben verändern kann.

So, verurteile den Menschen nicht,

vielleicht hat er eine andere Sicht,

vielleicht ist deine Sicht nicht so breit,

und vielleicht siehst du nicht so weit.